Impressionen vom Adventsmarkt – Mein kleines Seligenstadt #17

Es ist dunkel. Es ist kalt. Vor mir leuchten die Lichterketten an den historischen Fachwerkhäusern und von irgendwo – oder sollte ich besser sagen von überall – weht der unverkennbare Geruch von Glühwein herüber. Entschlossen blicke ich auf das Treiben, die ungelenkten Menschenmassen, die sich von Stand zu Stand schieben und so laut reden, dass sich alle Stimmen in einem riesigen Schrei vereinen. Ich blicke auf meine Füße. Mit dem nächsten Schritt betrete ich das Kopfsteinpflaster und werde unmittelbar in die reißenden Fluten der Menschen gezogen, die sich viel zu nah an mich drängen. Ich versuche mich zu orientieren. Erneut wird mir bewusst, wie sehr ich Menschen hasse. Erstmal einen Glühweinstand finden und dann weitersehen. Auf in den Kampf!

Weihnachtsmärkte sind der Inbegriff dessen, für das Weihnachten heute noch steht: Konsum, Essen und aufgesetzte gute Laune. Jeder, dem ich begegne, redet von Besinnlichkeit und dem Fest der „Liebe“. Dieses Fest ist so verlogen. Wenn Jesus nicht schon am Kreuz gestorben wäre, hätte er sich beim Anblick der Weihnachtsmärkte sicherlich umgebracht. Im Wesentlichen war seine Auferstehung auch nur ein sehr ausführliches im Grab umdrehen.

Ich halte den ersten Glühwein in der Hand. Vorsichtig versuche ich, meine Hand vom Henkel der Tasse an den Korpus zu legen und verbrenne mir die Eiszapfen, die mal meine Finger waren. Ich schreie leise auf und wechsle wieder an den Henkel der Tasse. Diese Choreographie wiederholt sich noch einige Male, bis der Glühwein endlich eine Temperatur erreicht hat, die irgendwo bei etwa 50 Grad liegt und ich mich traue, langsam meine Hände auftauen zu lassen.

Mit dem Glühwein ist es ein Dilemma. Im wesentlichen existiert Glühwein in drei Temperaturen. Erstens Lava, … zweitens TRINK MICH JETZT!!!, … drittens kalt. Den Moment in Phase zwei voll auskostend trinke ich den Glühwein so schnell wie möglich.

Im Krieg zwischen dem Weihnachtsmarkt und mir hat der Weihnachtsmarkt den ersten kritischen Treffer gelandet. Ich weiß, dass es mir einen weiteren Glühwein später unmöglich sein wird, das Framing des Feindes aufrechtzuerhalten und beschließe, den Heimweg anzutreten. Doch der Weihnachtsmarkt ist tückisch und unterwandert. Du hörst sie schon irgendwo aus der Menschenmenge deinen Namen rufen: Die guten Bekannten oder wie ich sie nenne: Spione.

Das Netz der Spione auf Weihnachtsmärkten ist ein fatalistischer Selbstläufer. Ihre Aufgabe besteht darin, durch gezieltes Ausgeben weiterer Glühweintassen, die Opfer an den Markt zu binden. Wenn diese dann betrunken genug sind, werden sie selbst zu Spionen: „Heeeey, dich habe ich aber lange nicht gesehen, Mensch, wir müssen unbedingt einen Glühwein zusammen trinken!“ Noch während ich beschließe, mich dem System nicht zu unterwerfen, halte ich die nächste Tasse Glühwein in der Hand. Naja, eine geht ja.

Im Gespräch mit den Spionen versuche ich unauffällig Worte wie Zeitdruck und Heimweg fallen zu lassen. Bloß weg hier, solange ich noch selbst entscheiden kann. Als hätte der Weihnachtsmarkt meinen Plan gerochen, schickt er die Kavallerie.

Auf den Schultern der Eltern reitend, nähert sich die kleinste Kämpferin. Ich wusste immer, dass ich Emma aus dem Training nicht trauen kann. Sie führt ein Doppelleben als Agentin des Christkindes. Während mich Agentin Emma in ein Gespräch über ihren Wunschzettel verwickelt: „Ich möchte unbedingt ein Pony haben!“, drückt mir der Spion den nächsten Glühwein in die Hand. Agentin Emma stellt ein weiteres Problem dar: In Anwesenheit ihrer Eltern ist es wichtig, höflich zu bleiben, den Glühwein kann ich demnach nicht ablehnen. Ich muss meine Kräfte sammeln und die Gedanken fokussieren. Noch ist die Schlacht nicht geschlagen…

Der dritte Glühwein hinterlässt seine Spuren. Eine beunruhigende Wärme breitet sich in mir aus. Ich erwische mich dabei, wie ich anfange zu lächeln und das Gespräch mit den Spionen zu verlängern, als sich ein weiterer Spion der Klasse zwei nähert: Die beste Freundin, die mich, ohne dass ich es merke, an den nächsten Stand entführt. Wie schamlos sie mein Vertrauen ausnutzt. Operation Lumumba ist gestartet. Verdammter Weihnachtsmarkt, du kämpfst mit unfairen Mitteln.

Bilanz bis jetzt: Drei Glühwein, ein Lumumba. Ich rieche Knoblauchbaguette. So weit hätte es nie kommen dürfen. Überrascht stelle ich fest, wie viele liebenswerte Menschen sich um mich scharen. Je näher wir beieinanderstehen, desto weniger spüre ich die Kälte. Ich realisiere, dass ich dem Weihnachtsmarkt unterlegen bin.

Einen weiteren heißen Apfelwein später liege ich der Spionin Klasse zwei in den Armen und wir Reden über Besinnlichkeit, die schönen Lichter und das Fest der Liebe.

Ich kapituliere.

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